Südstrand

Wir liegen direkt am Südkai, in etwa dort, wo wir vor wenigen Wochen abgelegt haben. Vor „wenigen Wochen“ ist gut – wenn es wirklich stimmt, dann waren wir ja anstatt 12 Wochen tatsächlich 98 Jahre unterwegs; wenn es richtig ist, dass mittlerweile das Jahr 2020 geschrieben wird.

98 Jahre, die uns, an Bord der „Aurora“, nur wie wenige Wochen vorkamen. Dazu vielleicht später mehr.

Hier am Südkai, direkt vor dem Strandhaus „Seestern“, verabschiedete mich Anita. Ich erinnerte mich genau daran, es waren ja erst wenige Wochen. Anita besuchte mit mir die Orte ihres Erfolges, in Hamburg um in Bremen. Sie besuchte auch mich in Lübeck, um mich zum Schiff zu begleiten und es kam mir vor, als würde sie sich immer von mir verabschieden.

Als ich mich dann also endlich von Bord schlich, überzeugte ich mich davon, dass irgendetwas merkwürdiges passiert sein musste. Denn nach wenige Metern stand ich wieder vor dem „Seestern“ – und doch schien es mir, als ob ich mich gänzlich woanders befand. Das Gebäude stand noch und es bestand kein Zweifel, dass es das richtige Haus war. Doch drum herum sah alles anders aus: die Straße war eine völlig andere Straße geworden, von der Straßenbahn war nichts mehr zu sehen; selbst die Schienen waren spurlos verschwunden. Dass konnte unmöglich das Werk von wenigen Wochen oder Monaten gewesen sein – warum auch.

Kurioserweise machte ich mir zu dieser Zeit keinerlei Gedanken, wie und ob ich jemals wieder zurückkehren würde oder konnte – ich wollte meine Angehörigen sehen. Und ich hatte keine Idee, dass die ja überhaupt nicht mehr am Leben sein könnten, keiner von den Leuten, die ich kannte. Verschwundene Zeitgenossen.

Ich wollte nur nach Lübeck. Zurück nach Hause.

Scheint als Zeitreisender aus dem Jahre 1928 in unserer Gegenwart gestrandet zu sein. Wartet auf die Erfindung konventioneller Zeitmaschinen und wird dazu gezwungen, eine Art Tagebuch zu schreiben.

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