Alles anders!

Vor dreißig Jahren öffnete sich der Todesstreifen zwischen West- und Ostdeutschland  zwar überraschend – dafür aber beständig.

Vor dreißig Jahren vereinten sich die Einwohner der sogenannten „DDR“ mit jenen der BRD – persönlich, familiär, gesellschaftlich und in einigen Fällen auch körperlich. Es wurde monatelang gefeiert und gesoffen – in absoluter Gewissheit, dass die Dinge des Lebens nie wieder so werden würden, wie gewohnt. Und die kommenden Jahre schwer sein würden.

Dreißig Jahre später wird gefeiert und Klischees zelebriert, bis die grimmigen Grenzer von der Ostseite zu Helden verklärt wurden. Fast.
Es wird über Begrifflichkeit astreiner Unrechtsstaaten gestritten, die Ostalgie zur kulturellen Identität verklärt und diffuse „Errungenschaften des Sozialismus“ neu entdeckt.

Dabei war es doch damals wie heute ganz anders.
Sicher. Da waren jubelnde Deutsche Ost, die auf souveräne, brüderliche Deutsche West stiessen (frontal – von Ost nach West) und temporäre, kurze, längere oder manchmal auch lebenslange Freundschaften schlossen.
Da gab es spontane Familienzusammenführungen (Jahrzehnte unmöglich und wenn dann doch machbar, unmöglich kompliziert) die plötzlich, wie das normalste der Welt, einfach gemacht wurden.

Aber es gab da eben auch frustrierte Deutsche Ost, die ihre Heimat sterben spürten; keine Heimat politischer Natur, sondern ganz natürliche Heimat.
Und es gab seelenlose Deutsche West, die eine realsozialistische Naivität zu ihrem realkapitalistischen Nutzen auszunutzen verstanden.

Es gab stinkende Staus durch Trabanten in Lübeck und Menschenschlangen um Besuchergeld in Hamburg. Und in Kiel suchte ein Dresdner Kind seine Eltern.
In Hamburg-Rahlstedt verfasst ein Oberschüler Plakate „Wider der Vereinigung“ und erklärte sich trotzig zum Kommunist. Sein Großvater hingegen bedauerte traurig, ohne dabei an den Enkel zu denken, dass künftig die linken Vögel nicht mehr so einfach „nach drüben“ verwünscht werden konnten. Und der Nachbar wurde vor nervöser Freude fast inkontinent weil er fast nur noch an die Brandenburger Familiengrundstücke denken konnte. Wenn sie die wieder haben würden, so schwor er innerlich, dann spendete er 10.000 Mark den Republikanern. Ausgerechnet, aber auch nur, weil er die CDU arrogant und selbstherrlich fand.

 

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